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Die 29. Jahrestagung des Interdisziplinären Arbeitskreises Oralpathologie und Oralmedizin (AKOPOM)
Präventive Konzepte in der oralen Medizin
Oliver Driemel, Martin Kunkel
Die Jahrestagung des AKOPOM vom 15.-17. Mai dieses Jahres in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden stand unter dem Leitthema „Präventive Konzepte in der oralen Medizin“ und widmete sich speziell der Früherkennung des Mundhöhlenkarzinoms.
Prävention und vor allem eine weitere Ausweitung präventiver medizinischer Strategien aus der Perspektive der Ökonomie beleuchtete Prof. Dr. Walter Krämer, Direktor des Institutes für Wirtschafts- und Sozialstatistik der Universität Dortmund. In seinem Gastvortrag referierte er zu der Frage „Prävention statt Therapie? - Holzweg oder Königsweg“?. „Die Krankheit, die wir durch Prävention verhindern, schafft letztlich Platz für eine neue Krankheit. Die Letalität der Erkrankungen in der Summe bleibt immer 100%“. war eine der Kernaussaussagen seines Referates. Prof. Krämer stellte zwar nicht den Nutzen von Prävention generell, wohl aber den additiven Nutzen einer weiteren Ausdehnung präventiver Maßnahmen in vielen Bereichen in Frage. So lautete seine Schlussfolgerung auch, dass eine wirklich freie Gesellschaft sich im Zweifelsfall dazu durchringen sollte, ihre Bürger nach eigener Fasson leben, aber auch - unabhängig von den aktuell diskutierten Vor- und Nachteilen der Prävention - nach eigener Vorstellung krank werden und sterben zu lassen.
Prof. Dr. Jochen Jackowski (Witten-Herdecke) stellte in einem weiteren Übersichtsvortrag sein Projekt „Erhebung zur Integration der Oralen Medizin in Lehre und Forschung“ vor. Erste Analysen ließen erkennen, dass die „Orale Medizin“ in der Ausbildung von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern an deutschen Universitätskliniken zwar berücksichtigt wird, dass die tatsächlich erworbene oralmedizinische Expertise bislang aber schwer zu bewerten sein.
Frau Dr. Katrin Hertrampf (Kiel) berichtete über ein Projekt zur „Verbesserung der Früherkennung von Tumoren im Kopf-Halsbereich in Schleswig-Holstein“. Durch Fortbildungsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen sollen über einen Zeitraum von fünf Jahren Wissen und Bewusstsein sowohl der Bevölkerung als auch der Zahnärzte gegenüber dem Mundhöhlenkarzinom erhöht und der Einfluss dies er Maßnahmen auf Erkrankungsinzidenz und Mortalität untersucht werden.
Im wissenschaftlichen Programm wiesen Priv.-Doz. Dr. Stephan Ihrler und Mitarbeiter (München) daraufhin, dass Tonsillen- und des Zungengrundkarzinome durch eine frühe und ausgeprägte Lymphknotenmetastasierung bei häufig klinisch okkultem Primärtumor (CUP) charakterisiert sind. Kleine Primärtumorgrößen und submuköses Wachstum erfordern standardisierte Biopsien einschließlich diagnostischer Tonsillektomien und vollständiger pathohistologischer Aufarbeitung, um ein Tonsillenkarzinom als Ursache für Lymphknotenmetastasen bei zunächst unklarem Primarius identifizieren zu können.
Die Regensburger Arbeitsgruppe um Dr. Tobias Ettl zeigte, dass bei Speicheldrüsen- karzinomen die Rezeptortyrosinkinasen EGFR und C-KIT neben etablierten klinisch-pathologischen Faktoren als Prognoseindikatoren dienen können. EGFR-Überexpression könnte zukünftig bei Karzinomen mit infauster Prognose als Angriffspunkt neuer biospezifischer Antikörpertherapien (Gefitinib) in Erwägung gezogen werden.
Eine Reihe „freier Vorträge“ widmete sich in einem zweiten Block insbesondere dem oralen Plattenepithelkarzinom und seinen Vorläuferläsionen. Zunächst berichtete Frau cand. dent. Jana Volmajer, Doktorandin von Frau Prof. Andrea Schmidt-Westhausen (Berlin), über eine hohe Treffsicherheit der Bürstenbiopsie mit Bildanalyse (Oral CDx®) und histologischer Blockauswertung bei Mundschleimhautläsionen. Im Gegensatz dazu beschrieb die Münchener Arbeitsgruppe um Dr. Dr. Bettina Hohlweg-Majert eine geringe Sensitivität und Spezifität des Oral CDx®-Verfahrens und sah seinen Einsatz in der zahnärztlichen Praxis kritisch.
Dr. Dr. Martin Scheer (Köln) und Mitarbeiter wiesen HPV-DNA in oralen Leukoplakien nach und empfahlen in diesen Fällen die vollständige histologische Aufarbeitung der Bioptate, um etwaig bereits maligne transformierte Zellen erkennen zu können.
Das Erlanger-Regensburger Team um Dr. Stephan Schwarz stellte die Fluoreszenz in situ Hybridisierung (FISH) als hochsensitive Methode zur Detektion genetischer Veränderungen auf der Ebene von Einzelzellen und Tumor-Subklonen vor. Im Kontrast zu aktuellen Tumorprogressionsmodellen konnte die Arbeitsgruppe nachweisen, das FHIT- und p16-Verlust nicht den Übergang der einfachen Hyperplasie zur leichten Dysplasie kennzeichnen, sondern sich bereits in der einfachen Hyperplasie detektieren lassen.
Belegt durch eigene retrospektive Daten wies Dr. Astrid Kruse (Zürich) auf die signifikante Lymphknotenbeteiligung bei Plattenepithelkarzinomen des Oberkiefers hin und stellte die prophylaktische cervikale Lymphknotenausräumung bei Oberkieferkarzinomen zur Diskussion.
Dr. med. habil. Lutz Tischendorf (Halle/Saale) betonte die Notwendigkeit der engmaschigen Verlaufskontrolle von Mundschleimhautveränderungen in Spezialsprechstunden.
Dr. Thomas Ziebart (Mainz) präsentierte die quantitative und strukturassoziierte Bestimmung von Laktat in oralen Plattenepithelkarzinomen und zeigte die Assoziation von anaeroben Stoffwechselveränderungen und klinisch aggressivem Phänotyp.
Dr. Britta Jung (Mainz) berichtete über den Nachweis von typischen Periimplantitis-assoziierten Keimen bei Gaumenimplantaten. Obwohl Apparatur und komplexe Suprakonstruktionen die Mundhygiene erschwerten, nahm das Ausmaß dieser Besiedelung unter funktioneller Belastung tendenziell ab und wirkte sich innerhalb des Studienzeitraumes nicht auf die Stabilität der Verankerung aus.
Anlässlich der 29. Jahrestagung des AKOPOM wurde erstmals ein Vortrag ausgezeichnet, der Ergebnisse einer gemeinsamen Studie aus den Disziplinen Pathologie und Klinik präsentierte. Den von der DGZMK gestifteten und mit 1500,- Euro dotierten Preis erhielten Herr Priv.-Doz. Dr. Stephan Ihrler und Frau Dr. Pamela Zengel vom Pathologisches Institut bzw. der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkranke der Ludwig-Maximilians-Universität München für ihren Vortrag „Zervikales CUP - warum sind Primärkarzinome in Tonsillen und Zungengrund okkult?“.
Erstmals seit mehren Jahren wurde auch wieder ein AKOPOM-Workshop angeboten. Prof. Dr. Dr. Martin Kunkel (Bochum), Priv.-Doz. Dr. Dr. Oliver Driemel (Regensburg) und Prof. Dr. Hartwig Kosmehl (Erfurt) stellten die aktuellen Möglichkeiten der Früherkennung des Mundhöhlenkarzinoms und seiner Vorläuferläsionen vor und diskutierten die Anwendung der verschiedenen Methoden in der zahnärztlichen Praxis. Die Teilnehmer hatten Gelegenheit, selbst Bürstenabstriche zu entnehmen, zu färben und auszuwerten. |